Wer bin ich?

– Gedicht von Bonheoffer, vertont von einem Freund:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer,

***

silverhairIch musste – Gott sei Dank – nie in einer Gefängniszelle ausharren so wie Bonhoeffer, aber wer fragt sich nicht als Kind schon: „Wer bin ich?“ Und wie viele fühlen sich nicht auch wie ein Vogel im Käfig dieser Gesellschaft? Ich habe mich jedenfalls so gefühlt. Meine Eltern haben mich in eine bestimmte Richtung erzogen, in der ich mich aber so gar nicht zu Hause gefühlt habe. Genauso wie Erwachsene machen Kinder ständig ihre eigenen Entscheidungen, die ihr Leben in eine bestimmte Richtung lenken und einmal bestimmen werden. Ich erinnere mich noch an solch eine, wie sich später herausstellte, schwerwiegende Entscheidung. Mit 12 ungefähr sah ich, zusammen mit meiner älteren Schwester, einen Dokumentarfilm über das Leben von Albert Schweizer und ich verließ den Gemeindesaal unserer Kirche mit dem Wunsch, dass ich auch so leben möchte, dass wenn ich einmal sterbe, ich zurückblicken kann und sagen, ich habe etwas aus meinem Leben gemacht, für das es wert war, zu leben. Warum ich diese Entscheidung getroffen habe, weiß ich nicht; ich habe den Film auf die gleiche Weise angeschaut wie meine Schwester und viele andere. Vielleicht hat es Gott in mein Herz gelegt und ich habe darauf reagiert und Gott hat meinen Herzenswunsch gehört und beantwortet, wenn es auch ein wenig dauerte, bis sie kam.

Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will. – Albert Schweizer

Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will. – Albert Schweizer

Gott kannte mich und ja, dein bin ich, o Gott. Schon früh wurde mir dieses Kindergebet beigebracht: „Ich bin klein, mein Herz mach rein, darf niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Ich weiß nicht mehr wer es mir so beigebracht hat, wohl meine Mutter, damals tat man das einfach noch. Aber ich habe es immer ernsthaft gebetet und auch so gemeint.

Ein weiterer Eckstein in Richtung Gott folgen, hat in der 8ten Klasse unser Gemeindepfarrer gelegt. Er war während des 2.Weltkrieges Offizier und hat uns im Religionsunterricht oft Geschichten erzählt, wie er seine Soldaten unter sich, zum Beten hinknien lies, um für Schutz in besonders gefährlichen Situationen zu flehen. Er betonte dann immer, auf welch wunderbare Weise Gott geantwortet hat und Wunder tat, wie zum Beispiel, dass alle heil durch ein Minenfeld kamen. Das hat einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und machte mir zum ersten Mal in meinem Leben bewusst, dass Gott auch heute noch „aktiv“ ist und Gebete tatsächlich beantwortet. Solche lebendigen Beispiele für den Glauben leben, hat in mir auch einen großen Respekt vor unserem Pfarrer aufgebaut und damit einen gewissen Respekt vor Gott. Wie er dann kurz vor unserer Konfirmation uns erklärt hat, dass jeder von uns einen Bibelvers aus einem Kasten, mit unzählig vielen Bibelverskarten, ziehen soll, von dem er absolut überzeugt war, dass es genau der Vers für unser Leben sein wird, habe ich ihm das geglaubt. Bei der Konfirmation dann, als der Pfarrer meinen Vers vorlas, wusste ich in dem Moment was ich tun sollte. Ich hatte keine Ahnung davon, dass Gott zu Menschen spricht, besonders durch Bibelverse, doch wusste ich absolut sicher, da vor dem Altar, was er sich von mir wünscht. Und wie der Bibelvers hieß?

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du auch berufen worden bist und das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen bekannt hast.“ – 1.Timotheus 6,12

Was sollte ich jetzt aber tun? Meine Eltern erwarteten, dass ich einen Beruf erlerne und später ihr Geschäft übernehme. Meine Mutter sagte mir, ich solle den schön eingerahmten Bibelvers in eine Schachtel auf der Bühne (Dachboden) legen, dass darin noch mehr „so Zeug“ ist. Das habe ich getan (dazu erzogen zu gehorchen und nicht aufzumucken) und schon bald dachte ich nicht mehr an dieses Erlebnis. Doch in meinem Leben änderte sich etwas. Ganz egal was ich tat oder unternahm, immer wieder wurde mir bewusst, dass da trotz allem immer diese Leere in meinem Herzen war. Auch liefen die Dinge einfach nicht so wie ich es mir gewünscht hätte. Ich wollte auch einen netten Mann kennenlernen und heiraten, so wie meine Schwester und alle anderen Mädchen in der Nachbarschaft und der Welt, aber das ist einfach nicht passiert. Mit 22 lies mein Vater mich schließlich gehen, weil er einsah, dass ich wirklich kein Interesse hatte, sein Geschäft zu übernehmen.  Aber dort, in der sogenannten Freiheit, von der ich dachte, dass ich sie endlich habe, musste ich feststellen, dass ich nur den Käfig gewechselt habe. Ich fühlte mich immer noch eingesperrt in ein Leben, das ich so nicht leben wollte – so wie es Bonhoeffer in seinem Gedicht beschrieb:

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

Die Welt mit all ihrem Leid und Unrecht belastete mich sehr – damals hingen überall die Seele zerreißenden Plakate mit einem hungernden Kind darauf und dem Wort, das nie mehr wieder aus meinem Gedächtnis verschwand und das Symbol für mich für Ungerechtigkeit, Gewalt und Hass war: Biafra (Damals war der Islam noch etwas nicht sehr Bekanntes und die Taliban oder IS gab es noch nicht, doch die gleiche Verachtung und der gleiche Hass gegen Ungläubige war schon unter diesen Nigerianischen Muslimen da).  Manches Mal saß ich vor meinem Teller und konnte kaum essen, wenn ich an all die hungernden Menschen in der Welt dachte. Ich wollte so sehr mit dazu beitragen eine friedliche, schöne Welt zu schaffen, sah aber nirgendwo eine Möglichkeit dazu. Ich wollte nicht zu Skeletten abgemagerte Menschen wieder aufpäppeln oder durch Kriege und Zwiste Verwundete verbinden. Ich wollte an das andere Ende, wollte verhindern, dass Menschen überhaupt hungern müssen oder verletzt werden. Aber wie das schaffen? Was hätte ich als so kleiner Mensch dazu beitragen können? Schließlich wollte ich mich als Humanitäre Helferin in 3te Welt Ländern bewerben oder in SOS Kinderdörfern arbeiten, aber meine berufliche Ausbildung machte mich dafür ungeeignet.

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biafraVor 45 Jahren – 12. Januar 1970
Im westafrikanischen Nigeria geht ein zweieinhalb Jahre währender Krieg um die Provinz Biafra zu Ende. Sie hatte sich von Nigeria losgelöst und für unabhängig erklärt. Nach langen, blutigen Kämpfen muss die Republik der katholisch geprägten Ibo kapitulieren. Muslimische Nigerianer verüben Pogrome an den Ibos. Ein bis zwei Millionen Menschen verlieren ihr Leben. Man kann es Völkermord nennen. Biafra – der Name ist auf ewig mit den erschütternden Bildern verhungernder Kinder verbunden. Foto: Hungertod in Biafra – Ende der 1960-er-Jahre fotografierte Dr.Lyle Conrad das ausgemergelte Mädchen in einem Flüchtlingscamp, zum Skelett abgemagert, doch den Bauch schrecklich vor Hunger aufgebläht.

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Ich kaufte mir Bücher über Yoga, etwas das zu der Zeit erst anfing in Mode zu kommen, lernte zu meditieren und wechselte später zu Zen-Buddhismus über, was mich aber genauso unerfüllt lies,  ja sogar abstieß. Ich machte einen Töpferkurs mit, kaufte mir eine klassische Gitarre und nahm Unterricht, fuhr leidenschaftlich gerne Ski, liebte alle möglichen Stile von Musik und tanzte wie wild Samstagnachts in Diskos … und doch ging ich früh morgens (manchmal nach einem One-night-stand) dann alleine nach Hause und heulte dem Mond was vor.

Dann, kurz vor Weihnachten 1975, tat ich etwas, das ich nie verstanden habe, warum ich es tat. Ich hob meine Arme hoch und schrie laut aus: „Gott wie lange noch?“ – wie lange noch ein unerfülltes Leben leben zu müssen. Weihnachten verbrachte ich wie jedes Jahr zu Hause – Geschenke, schönes Essen, geruhsame Tage – danach war die Leere in mir nur umso größer. Wie Weihnachten vorbei war, machte ich einen Stadtbummel, ging an Menschen vorbei, die beschäftigt waren, Geschenke umzutauschen, nach Schnäppchen von Übriggebliebenem von Weihnachten suchten oder sonst unterwegs waren. Wie schon öfters zuvor, kamen Selbstmordgedanken in mir hoch. Wozu durch diesen Zirkus von Leben gehen? Warum nicht einfach allem selbst ein Ende bereiten? – Die Psychologin, zu der ich schon seit mehreren Monaten ging, konnte mir sowieso nicht helfen.

Meine Seele schrie auf, wie nie zuvor. Dann stand plötzlich ein junger Mann vor mir*, schaute mir in die Augen und sagte:

„Gott ist Liebe und er liebt dich!“

Da war etwas an ihm, das mir Vertrauen gab und seine Worte waren mehr als heilsamer Balsam für meine wunde Seele. „Gott ist Liebe!“  (1.Johannes 4,8) Das hatte ich noch nie zuvor gehört – oder ich hatte es verpasst. Diese Vorstellung war fast zu viel wahrzunehmen. Gott – nicht ein alter Mann mit Bart und einem dicken Stock in der Hand, bereit, dich damit in die Hölle zu prügeln – nein, Gott = Liebe! Und der Mann wiederholte es immer wieder, er liebt dich! Er hat eine ganze Zeit mit mir geredet, aber das war alles was ich hören konnte und im Gedächtnis behielt: „Gott ist Liebe und er liebt dich!“ Er hat mich dann noch gefragt, ob ich Jesus in mein Herz bitten wollte, weil er da wohnen möchte und nicht in einem Gebäude. Obwohl es schon komisch war, mitten auf der Einkaufsstraße zu beten, sprach ich ihm doch ein Gebet nach. Was störte mich das schon noch, dass Leute verwundert schauten. Ich war von Höllenqualen zu himmlischer Seligkeit hochgehoben worden und das wollte ich nie wieder loslassen.

  • *Wochen später sagte mir dieser junge Mann, dass er mich von einer Seitenstraße her vorbeilaufen gesehen hat und Gott hat zu ihm gesprochen, er solle mir nachlaufen, denn ich bräuchte die Zusicherung seiner Liebe sehr!

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Die meisten Menschen wurden gelehrt, dass nur ganz besondere Menschen zu Auserwählte Gottes werden können, was aber qualifiziert jemand, zu den Auserwählten zu gehören, wie es im Matthäus 20,16 und 22,14 heißt: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ –  Was macht manche Menschen zu Auserwählten und was nicht? David Brandt Berg hat das mal so erklärt: Gott ruft jedem einzelnen Menschen zu, ihm zu folgen, ihm nahe zu sein. Und er tut es auf vielerlei Weise und Gelegenheiten, wie in meinem Fall zum Beispiel einem Film oder Bibelvers. Das Problem liegt dann nur an uns Menschen, dass wir auf seinen Ruf nicht reagieren uns nicht rufen lassen und deshalb auch nicht be-rufen werden, nicht zum Rang der Auserwählten aufsteigen. Uns werden Menschen präsentiert, die den Rang als Heilige erworben haben und sie stehen auf solch einem hohen Podest, dass wir kaum deren Zehen erreichen können. Wenn wir aber in der Bibel nachschlagen, lesen wir dort, dass der ‚heilige‘ Paulus sehr oft an die „Heiligen“ schrieb, damit aber nicht jemand speziellen meinte, jemand der so gut, perfekt und außergewöhnlich religiös ist, dass er als Heiliger erklärt werden kann,  sondern sie sind an jeden einzelnen Gläubigen wie dich und mich gerichtet. Ein Heiliger ist also ganz einfach ein Mensch, gereinigt, heilig gemacht, durch das Blut von Jesus Christus. Einfach ausgedrückt, wir werden zu Heiligen, nicht weil wir gut sind, sondern weil Jesus gut ist, sein Opfer perfekt und außergewöhnlich ist und sein Blut das einzige ist, das uns schmutzige Menschen sauber wäscht, heiligt.

Bete also für ein empfängliches Herz und lass dich von Gott rufen und höre auf seinen Ruf und antworte mit aller Hingegebenheit, die du aufbringen kannst und auch du wirst zu den Berufenen gehören, die auserwählt sind, weil sie eine Entscheidung für Gott trafen.

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Die Errettung einer Seele ist das Wunder eines Moments. Doch die Erschaffung eines Heiligen ist eine lebenslange Arbeit. – Alan Redpath

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Franko Zeffirelli drückt in seinem Film „Bruder Sonne Schwester Mond“ genau den Wunsch aus, der schon immer in meinem Herzen lag, Worte denen jemand eine Melodie verlieh:

zu Deutsch:
Der Mensch hat eine Seele
Und sie ist es, die ich wiedergewinnen muss, meine Seele
Ich will leben!
Ich will in den Feldern leben,
Über die Hügel laufen,
Auf Bäume klettern und durch Flüsse schwimmen.
Ich möchte den festen Grund der Erde unter meinen Füssen spüren
Ohne Schuhe, ohne jede Belastung
Ohne die Schatten, die wir unsere Diener nennen.
Ich möchte ein Bettler sein, ja ein Bettler.
Christus war ein Bettler
Und seine Apostel waren Bettler.
Ich möchte so frei sein wie sie;
Was aus dem Fleische geboren wurde, ist Fleisch,
Was aus dem Geiste geboren wurde, ist Geist.
Ich bin wiedergeboren!

 Lyrik aus dem Film Bruder Sonne, Schwester Mond von Franco Zeffirelli

Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=YupYUO0Jw5g

Ich grüße dich und heiße dich auf meinem Blog willkommen und bete, ich kann dir mit lebengebenden Worten dienen, Worte die dich führen und leiten mögen, wie es Gott gefällt.

Charle Helen   (Charle ist die schwäbische Abkürzung für Charlotte)

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