Von Peter van Gorder
Martin Luther wirkte wie ein Blitzableiter, denn er war ein Kanal für die Kraft Gottes, durch die er notwendige Veränderungen in einem korrupten System herbeiführte. Er inspirierte viele andere, sich gegen autokratische Systeme, wie die katholische Kirche seiner Zeit, zu wehren. Luthers Vermächtnis lebt bis heute in verschiedenen sozialen Bewegungen fort, beispielsweise in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King Jr.
Martin Luther ebnete den Weg für politische Selbstverwaltung der verschiedenen Länder, Religionsfreiheit und die persönliche Verantwortung und Freiheit, den eigenen Überzeugungen zu folgen, anstatt sich einem diktatorischen System zu beugen. Viele andere haben diesen Weg weiter geöffnet und dazu beigetragen, die Welt, wie wir sie heute kennen, zu gestalten – Ärzte konnten endlich frei experimentieren und Wissenschaftler hatten im Allgemeinen auch endlich freie Hand, sie mussten nur die Katholische Kirche verlassen.
Heute feiert Deutschland den Reformationstag, der in mehreren Bundesländern ein nationaler Feiertag ist und es bietet sich die Gelegenheit an, über seine Ursprünge nachzudenken und seine Bedeutung für uns heute zu erkennen. Für manche Deutsche ist es einfach ein extra freier Tag zum Entspannen, doch sollte er uns an eines der wichtigsten Ereignisse, die unsere heutige Welt geprägt haben, erinnern.
Ich erinnere meine Englischstudenten, von denen viele Atheisten sind und manche noch in einer kommunistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, daran, dass es wichtig ist, unsere eigene Geschichte und die Glaubensvorstellungen anderer zu kennen, unabhängig von unseren eigenen Überzeugungen. Schließlich bekennen sich etwa 10 % der Menschheit zu einer protestantischen Glaubensrichtung. Wie konnte es dazu kommen?
Am Vorabend von Allerheiligen, dem 31. Oktober 1517, veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen, die die damalige Welt erschütterte und deren Auswirkungen bis heute, über 500 Jahre später, spürbar sind. Er selbst war über den Sturm der Entrüstung, den er auslöste, ebenso überrascht wie alle anderen: „Ich hätte nie gedacht, dass ein solcher Sturm in Rom wegen eines einzigen Stücks Papier entbrennen würde.“
Was stand auf diesem Papier, das den päpstlichen Zorn so sehr erregte?
Seine Absicht war es, eine Diskussion über Missstände anzustoßen, die er sah: nämlich den Verkauf von „Ablassbriefen“, die wie Freikarten aus der Hölle waren (für diejenigen unter Ihnen, die mit dem Spiel Monopoly vertraut sind ), und andere gewinnbringende Unternehmungen, an denen die Kirche beteiligt war, wie zum Beispiel die Tätigkeit als Reisebüro für Pilgerreisen und der Kauf und Verkauf von Heiligenreliquien.
Martin Luther war aufrichtig bemüht, die katholische Kirche von Missständen zu befreien und ahmte lediglich die Worte Jesu nach, als er den Tempel mit seiner Peitsche von den Geldwechslern säuberte und sagte: „Ihr habt dieses Bethaus in eine Räuberhöhle verwandelt.“ (Markus 11,15–19.)
Die Welt hat sich verändert. Damals war die Kirche die unbestrittene Autorität und die dominierende politische und spirituelle Macht. In vielen Ländern besteht heute (Gott sei Dank!) eine Trennung von Kirche und Staat.
Der Papst galt als unfehlbar. Luther widersprach dem. „Der Papst irrt oft.“ Mit dem er ein „Blasphemie“ erntete! Er wurde daraufhin exkommuniziert und wäre als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, hätte ihn nicht Friedrich dem III. von Sachsen – Friedrich der Weise – geschützt.
Während seines Aufenthalts auf Friedrichs Wartburg, fand Martin die Zeit, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Er vollendete das Neue Testament in nur elf Wochen! Seine Übersetzung war nicht die erste. Es hatte bereits 19 andere Versuche gegeben, doch keine andere war so lyrisch. Martin liebte Alliterationen: „Der Herr ist mein Hirte. Dein Stecken und dein Stab trösten mich. “ (Psalm 23,1.4). Zu seiner Zeit gab es viele verschiedene Dialekte, kein Einheitsdeutsch. Luthers Übersetzung wurde zu einer Art Sprachlehrbuch, das die deutsche Sprache standardisierte und vereinheitlichte – mit der Hilfe von Philip Melanchton, dem kleinen Griechen, der so gelehrt in Hebräisch und Griechisch war, wie kein anderer. Es heißt: Wo Luther Struktur fehlte, brachte er Ordnung hinein. Er soll es auch gewesen sein, der Martin Luther dazu ermutigte, die Bibel in ein für das Volk verständliches Deutsch zu übersetzen. Bald gab es in vielen Haushalten ein Buch – die Lutherbibel. Eine Bibel war damals nicht billig – ihr Preis entsprach dem eines Kalbs – und so wurde sie geschätzt und oft vorgelesen. Luther und Melanchton sorgten dafür, dass alle Kinder, also auch Mädchen eine Schulausbildung bekamen. Es war auch Melanchton, der die höhere Schule ins Leben weckte, als Vorbereitung auf das Studium.
Um die Sprache präzise zu formulieren und zu verfeinern, erforschte Luther die Ausdrücke und Wörter des Alltags und systematisierte sie. Sein Leitsatz: „Frage die Mütter zu Hause und die Kinder auf der Straße und hör zu, wie sie sprechen.“ und „dem Volk aufs Maul schauen.“ Das bedeutet, dass er die Bibel für das einfache Volk verständlich machen wollte, indem er den tatsächlichen Sprachgebrauch der Menschen beobachtete und sich daran orientierte.
Seine Schriften erfreuten sich großer Beliebtheit, sodass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Drittel aller in Deutschland gedruckten Bücher von ihm stammten. Mitte des 16. Jahrhunderts waren bereits eine halbe Million seiner Bibelübersetzungen im Umlauf. Er war ein äußerst produktiver Autor und verfasste 120 Bände! Trotz seiner Popularität lehnte er es ab, für seine Schriften oder seine Lehren Geld anzunehmen. (Es wühlte die Gemüter auf, was leider aber auch die Bauernkriege und später den 30-jährigen Krieg auslöste)
Worüber schrieb Luther also? Er hatte viel über die katholische Kirche zu sagen. Er suchte nach wahrer Spiritualität, so wie Jesus sie gemeint und vorgelebt hatte: „Glaube mir, es kommt die Zeit, in der es keine Rolle mehr spielt, ob ihr den Vater hier oder in Jerusalem anbetet … Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Der Vater sucht Menschen, die ihn so anbeten. – Johanes Kapitel 4
Zur Erklärung: Die Kirche war dringend auf Geld angewiesen. Ihre Armeen kämpften gegen die Türken in Wien, und sie hatten kolossale Bauprojekte wie den Petersdom begonnen. Woher sollte das Geld kommen?
Als die Kirche immer dringender Geld brauchte, wurden ihre Versprechungen zunehmend anmaßend. Ihr führender Verkäufer Johann Tetzel prägte Slogans wie: „Sobald die Münze im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Manche verstanden diesen Ablassbrief als Freibrief für alle Arten von Übeltaten und glaubten, durch die vermeintliche Billigung der Kirche immun gegen Gottes Gericht geworden zu sein.
Luther sagte: „Wir sind von den Gesetzen der Kirche frei, aber in Liebe an unsere Nächsten gebunden.“ Er sagte, das Fegefeuer werde in der Bibel nie erwähnt, und man könne sich weder aus der Hölle noch in den Himmel freikaufen. Die Erlösung sei ein Gnadengeschenk, das durch das Opfer Christi am Kreuz erkauft wurde: „Durch den Glauben hat ein Gerechter Leben.“ – Römer 1,17
Wir wissen also, wogegen Luther war, aber wofür stand er?
„Sola fide, sola scriptura, solus Christus, sola gratia: Allein durch den Glauben, allein durch die Schrift, allein in Christus, allein durch die Gnade! Diese vier Maximen, die bereits 1521 entwickelt worden waren, fassen die Theologie Martin Luthers treffend zusammen.“
Es ist unser Glaube an Christi Geschenk, wie es uns in der Bibel verheißen ist, der uns ewiges Leben schenkt – nicht irgendeine Menge an Geld, die wir spenden. Paulus sagte, wenn wir alles, was wir haben, verschenken und keine Liebe besitzen, ist es wertlos – es ist nichts (1. Korinther 13,3). Gottes Liebe ist alles! Die größte Liebe ist Gottes Liebe zu uns: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ – Johannes 3,16 „Weil Gott so gnädig ist, hat er euch durch den Glauben gerettet. Und das ist nicht euer eigenes Verdienst; es ist ein Geschenk Gottes. Ihr werdet also nicht aufgrund eurer guten Taten gerettet, damit sich niemand etwas darauf einbilden kann.“ – Epheser 2,8–9 Das einzige, das wir tun können, ist, dieses Geschenk anzunehmen.
Heute, am Reformationstag, nehmen wir uns Zeit, um über unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft nachzudenken. Obwohl Martin Luther ein unvollkommener Mensch mit vielen Fehlern war und insbesondere Juden und Katholiken scharf kritisierte, erinnern wir uns an seinen insgesamt positiven Einfluss auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die unsere heutige Welt geprägt haben. Danke, Martin Luther, dass du für deine Überzeugungen mit deinem Leben eingestanden bist und den Anstoß gegeben hast, uns daran zu erinnern, was wirklich zählt.
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