Das Wettrennen

Das Wettrennen

Von Scott Montrose

 Schwäne und andere Vögel, unterstrichen noch die Schönheit eines sonnigen Sonntagnachmittags, an dem ich an einem Fluss entlang schlenderte. Doch für mich war das in diesem Moment reine Verschwendung. Denn die letzten Jahre waren ein Alptraum gewesen. Der Alkohol forderte seinen Tribut. Schuld, Negativität und Enttäuschung hingen wie dunkle Wolken über mir. Meine Frau hatte sich von mir getrennt, und ich hatte meinen Job verloren. Außerdem hatte ich den Respekt all meiner Freunde und Kollegen verspielt (oder passender ausgedrückt: versoffen). Ich fühlte mich wie ein totaler Versager.

Ein paar Jogger überholten mich. Eine Gruppe Jugendlicher flitzte auf Fahrrädern vorbei. Ich bemerkte sie kaum, da ich in Gedanken die Ereignisse der letzten Jahre vor mir ablaufen ließ und herauszufinden versuchte, an welcher Stelle ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte, die mich in diese fürchterliche Situation gebracht hatte.

Da hörte ich eine junge Stimme hinter mir: „Nicht aufgeben! Halte durch! Nicht aufgeben!“ Die Worte hallten in meinen Ohren wider.

Ich drehte mich um und sah einen ungefähr sieben Jahre alten Jungen auf mich zu laufen. Als er an mir vorbeilief, rief er wieder über seine Schulter seiner jüngeren Schwester zu, die vielleicht fünf Jahre alt war. Sie schien kurz vor dem Aufgeben zu sein, bei dem was scheinbar ein Wettrennen war.

„Jetzt nicht anhalten! Du musst das Ziel erreichen!“

Das erinnerte mich an eine Szene aus dem Film Chariots of Fire (1981) [deutscher Titel: „Die Stunde des Siegers“*], in dem Eric Liddell, einer der Läufer eines 440-Yard-Laufs zur Vorbereitung für die Olympiade, von einem Mitläufer gestoßen wurde und im Innenfeld zu Boden fiel. Als alle anderen Läufer an ihm vorbeigelaufen waren, stellte ich mir vor, was ihm in diesem Moment durch den Kopf gegangen sein musste. Gib auf! Du hast verloren! Du brauchst gar nicht mehr weiter zu machen! Stattdessen rappelte sich Liddell auf, ging zurück auf die Bahn und rannte, als wäre er dazu bestimmt, zu gewinnen – und genau das passierte!

Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte ich. Ein Lichtstrahl hatte meine Dunkelheit durchbrochen. Ich war in den Abgrund gestürzt, na und? Der einzig mögliche Weg, da wieder herauszukommen, war für mich nun, wieder hoch zu kommen! Ich könnte aufstehen, sagte ich mir. Ich könnte zurück auf die Bahn gehen und laufen. Vielleicht würde ich nicht auf eine solch dramatische Weise gewinnen wie Liddell, aber ich könnte das Rennen beenden, das große Wettrennen des Lebens.

Seither ist viel Zeit vergangen. Ich laufe immer noch, habe aber entschieden an Boden gewonnen. Ich bin jetzt ein trockener Alkoholiker. Ich habe einen neuen Sinn und Erfüllung in einem Leben gefunden, in dem ich wieder Gottes Liebe und Hoffnung mit anderen teilen möchte.

Es ist niemals zu spät, wieder aufzustehen und es erneut zu versuchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s