Der Gast

Der Gast

Eine Exilgeschichte von Nikolai Lesskov

Vor vielen Jahren reiste ein Mann im zaristischen Russland durch Sibirien. Als er eines Tages in einem abgelegenen Dorf bei einer russischen Familie weilte, erzählte sein Gastgeber, ein sehr ruhiger Mensch, die folgende Geschichte:

Unser Bezirk ist einer jener Orte in Sibirien, in die Verbannte geschickt werden, als Strafe für politische Vergehen oder aus anderen Gründen. Aber trotzdem ist es kein schlechter Ort zum Leben einem eigenen Lebensstil und viel Handel. Mein Vater siedelte sich hier als junger Mann in den Tagen an, als die Leibeigenschaft* noch immer die Regel in Russland war – du siehst also, wie lange es her ist! Ich selbst wurde hier geboren.

(*Leibeigenschaft:  Die persönliche Abhängigkeit eines unfreien Bauern von seinem Herrn. In Russland glich die Leibeigenschaft der Sklaverei.)

Uns ging es immer ziemlich gut, und sogar jetzt sind wir nicht arm. Wir gehören der Mutterkirche Russlands (Russisch‑ Orthodoxe-Kirche) an, und wir halten fest an dem einfachen, christlichen Glauben unserer Väter. Mein Vater war ein großartiger Vorleser und er lehrte mich Bücher und Wissen zu lieben. So kam es, dass alle meine Freunde Menschen mit den gleichen Vorlieben waren. In meiner Jugend hatte ich einen sehr engen Freund, Timofej Ossipowitsch. Seine Geschichte möchte ich Ihnen jetzt erzählen.

Als er zu uns kam, war Timofej  oder kurz Timo, noch ein junger Mann. Zu der Zeit war ich 18, und er war etwas älter. Er war ein junger, wohlerzogener Mann, und sie wundern sich vielleicht, warum er nach Sibirien verbannt wurde. In einem Dorf wie unserem fragen wir niemals einen Verbannten, warum er da ist. Es könnte zu peinlich sein.

Aber so weit wir wussten, passierte folgendes: Timofej war ein Waisenkind und wurde von seinem Onkel erzogen, der sein Vormund war. Als Timo etwa 17 war, fand er heraus, dass fast sein gesamtes Erbe, das für ihn hätte gespart werden  sollen, entweder verschwendet oder einfach selbstsüchtig von seinem Onkel ausgegeben worden war. Als er dies entdeckte, war er so wütend, dass er in einem Streit mit einer Pistole auf seinen Onkel schoss. Glücklicherweise verletzte er ihn nur an der Hand. Der Richter behandelte Timo wegen seiner Jugend nachsichtig. So wurde er nach Sibirien verbannt, und genau in mein Dorf.

Obwohl Timo nun neun Zehntel seines Erbes verloren hatte, war das  Zehntel, das er erhielt, doch genug, dass er sich einen gewissen Komfort erhalten konnte. Er baute ein kleines Haus in der Nähe von uns und richtete sich ein. Aber die Ungerechtigkeit, die er erlitten hatte, bedrückte ihn immer noch sehr. Er war so wütend und ärgerlich, dass er kein normales Leben führen konnte. Lange Zeit lebte er wie ein Einsiedler. Er weigerte sich, irgendwelchen Kontakt mit seinen Nachbarn aufzunehmen. Er vergrub sich in seinem Haus; die einzigen Menschen, die er sah, waren ein Ehepaar, das angestellt war, um für ihn zu sorgen.

Er verbrachte seine Zeit mit dem Lesen von Büchern, die meist ernste, insbesondere religiöse Themen behandelten. Schließlich kam der Tag, an dem ich über den Zaun mit ihm reden konnte. Später dann bat er mich, in sein Haus zu kommen. Von da an besuchte ich ihn oft, und wir wurden sehr gute Freunde.

Zuerst gefiel es meinen Eltern nicht sehr, dass ich Freundschaft mit Timo geschlossen hatte. „Wir wissen nicht, wer er ist oder warum er sich vor jedem versteckt. Wir hoffen nur, dass er dir keinen Schaden zufügt.“ Aber als ich meinen Eltern erzählte, was für eine Art von Mensch er war, wie wir religiöse Bücher zusammen lasen und über den Glauben sprachen, waren sie beruhigter. Mein Vater besuchte ihn dann und lud Timo zu uns ein.

Meine Eltern sahen sofort, dass er ein guter Kerl war, und fingen an, ihn zu mögen. Tatsächlich hatten sie Mitleid mit ihm, weil er ständig an das Unrecht dachte, das ihm widerfahren war. Wenn man aus Versehen seinen Onkel erwähnte, wurde Timo weiß wie ein Leintuch und sah aus, als ob er gleich in Ohnmacht fiele. Abgesehen von diesem Problem, hatte er einen guten Charakter und einen scharfen Verstand, aber wegen dieser Verbitterung in seinem Herz und Sinn konnte er sich keiner nützlichen Arbeit hingeben.

Als er sich jedoch in meine Schwester verliebte, verging diese extreme Bitterkeit. Er heiratete sie, gab sein melancholisches Grübeln auf und begann zu leben und zu blühen. Er wurde Geschäftsmann und wohlhabend. Nach zehn Jahren kannte und achtete ihn jeder in der Gegend. Er baute ein Haus mit großen Räumen. Er hatte alles, was er brauchte, und seine Frau war sehr gut, und er hatte gesunde reizende Kinder. Was wollte er mehr? Es schien, als ob all die Probleme seiner Jugend vorbei und vergessen wären.

Eines Tages jedoch, als wir gerade in seiner Kutsche fuhren, fragte ich ihn plötzlich: „Bruder Timo, denkst du, dass du jetzt ganz zufrieden bist?“

„Was meinst du?“, fragte er, während er mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck anschaute.

„Mit all dem, womit Gott dich gesegnet hat, ist damit nicht alles wieder gut gemacht, was du in deiner Jugend verloren hast?“ Er wurde sehr weiß und sagte nichts, sondern fuhr weiter durch den Wald. Nach einigen Momenten des Schweigens sagte ich: „Vergib mir, dass ich das gefragt habe, Bruder. Ich dachte, dass das ganze Problem lange her ist … vorbei und vergessen.“

„Darum geht es nicht“, sagte er. „Es macht keinen Unterschied, dass es so lange her ist. Es ist vorbei, ja. Aber ich denke immer noch daran.“

Er tat mir sehr leid, denn jetzt sah ich, dass – obwohl Timo die Heilige Schrift so gut kannte und so gewandt über Religion reden konnte – er in seinem Herzen immer noch die Erinnerung an diese Ungerechtigkeit hegte. „Sicher bedeutet dies“, dachte ich, „dass das Wort Gottes bei ihm nicht gefruchtet hat.“

Einige Minuten lang fuhren wir schweigend weiter; ich war tief in Gedanken versunken. Schließlich schaute er mich an und sagte: „Woran denkst du gerade?“

„Oh, an alles mögliche“, sagte ich ziemlich leicht dahin.

„Das glaube ich nicht! Ich glaube, du denkst über mich nach.“

„Nun ja! Ich denke über dich nach!“

„Sag mir, was du über mich denkst!“

„Sei mir bitte nicht böse, Bruder. Ich habe folgendes gedacht: Du kennst die Heilige Schrift und doch ist dein Herz so voller Wut und Ärger, und du willst dich nicht Gott unterwerfen. Bedeutet das, dass all dein Bibellesen dir nichts gebracht hat?“

Timo war nicht böse mit mir, aber sein Gesicht verdunkelte sich und er sagte: „Du kennst die Bibel nicht gut genug, um so etwas zu sagen.“ Dann fing er an, mit mir zu diskutieren; dabei versuchte er, sich zu rechtfertigen. Er sagte, ich sei zu unwissend, was die Bibel und die Welt angeht, um ihn zu verstehen. Ich stimmte zu. Weiterhin sagte er: „Es gibt Ungerechtigkeiten, mit denen sich kein ehrenhafter Mann abfinden kann.“

Dann fuhr er fort: „Ich habe noch niemals mit jemandem darüber gesprochen, aber weil du mein Freund bist, werde ich es dir erzählen. Mein Onkel verursachte meinem Vater und meiner Mutter viele Schmerzen und Sorgen, und schließlich starb meine Mutter in sehr elendem Zustand. Mein Onkel verleumdete meinen Vater; vor allem verbreitete er solche Lügen über mich, dass er verhinderte, dass ich ein junges Mädchen, das ich von Kindheit an liebte, heiratete. Und das alles, weil er, ein alter Mann, sie selbst heiraten wollte. Kann man solche Kränkung vergessen?“, fragte er. „Ich werde ihm nie vergeben, niemals!“

„Du bist sicher ungerecht behandelt worden“, erwiderte ich. „Da stimme ich zu. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dein ganzes Studieren der Heiligen Schrift dir keine Hilfe war.“ Dann griff er in einem langen Streit meine dürftigen Kenntnisse der Bibel an und kam zu all den Passagen im Alten Testament, in denen die guten Männer für sich eingetreten sind und sogar ihre Feinde töteten! In meinen Augen versuchte sich der arme Kerl zu rechtfertigen.

„Timo“, sagte ich, „ich weiß, ich bin nur ein einfacher Bursche und nicht so wie du. Aber sogar ich kann sehen, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament gibt. Im Neuen Testament dreht sich alles um Liebe und Vergebung.“ Er war still. Dann fuhr ich sehr ruhig fort, ihn an die Art und Weise zu erinnern, in der unser Herr in Seinen letzten Stunden auf Erden behandelt worden war; wie Er geschlagen und misshandelt, beleidigt und von Seinen Feinden getötet wurde. Aber Er vergab denen, die es nicht besser wussten.

Timo war nicht beleidigt durch meine Offenheit. Nachdem wir noch weiter geredet hatten, drückte er meine Hand und sagte: „Ich kann nicht anders! Höre bitte auf von Vergebung zu sprechen, du machst mich nur sehr traurig.“ Ich hörte sofort auf, denn ich sah, dass er sehr unglücklich war. Aber ich betete, dass er sich eines Tages ändern würde. Nun, das geschah dann auf eine höchst bemerkenswerte Art.

Zu der Zeit war Timo schon 16 Jahre in Sibirien und war etwa 37 Jahre alt. Er hatte eine gute Frau, drei Kinder und ein angenehmes Leben. Er mochte Blumen sehr, besonders Rosen. Überall gab es Rosen, im Garten und im Haus. In der Tat war das ganze Haus gefüllt mit ihrer Schönheit und ihrem Duft. Im Sommer ging er immer gegen Sonnenaufgang in den Garten. Zuerst untersuchte er seine Rosen, um zu sehen, ob sie irgendetwas bräuchten, dann setzte er sich zwischen ihnen auf eine Bank, holte ein Buch heraus und begann zu lesen. Ich glaube, er sagte dort oft seine Gebete, während er in den Sonnenstrahlen des frühen Morgens saß.

Eines Tages saß er wie gewöhnlich dort und las sein Neues Testament. Er kam zu der Stelle als Christus in das Haus eines reichen Mannes ging und Sein Gastgeber Ihm nicht einmal Wasser zum Füße waschen gab. Timo legte das Buch hin und begann nachzudenken, und als er über die große Liebe des Herrn grübelte, platzte er heraus: „Oh, Herr! Wenn Du zu mir kommen würdest, würde ich Dir alles geben, was ich habe und bin!“ Plötzlich streifte ein Wind über die Rosen, und er schien die Worte zu hören: „Ich werde kommen.“

Später an dem Morgen kam Timo herüber, um mich zu besuchen, und er erzählte mir, was passiert war. Er fragte ängstlich: „Glaubst du, dass der Herr wirklich als Gast zu mir kommen wird?“

Ich antwortete: „Das geht über meinen Verstand! Gibt es darüber irgendetwas in der Heiligen Schrift?“

Timo antwortete: „Nun, Er ist der gleiche Christus heute und in Ewigkeit. Ich wage nicht, mich zu weigern, das zu glauben!“

„Nun dann“, sagte ich, „glaube es!“

Timo dachte kurz nach, wandte sich dann mir zu und sagte: „Ich weiß, was ich tun werde. Ich werde jeden Tag einen Platz für Ihn an unserem Tisch decken.“ Das schien mir nicht gerade der richtige Weg zu sein, aber ich spürte, dass ich nichts anderes vorschlagen konnte, und so zuckte ich die Schultern und sagte: „Tu, was du für richtig hältst.“

Timo sagte seiner Frau, er wünsche, dass vom nächsten Tag an bei jeder Familienmahlzeit ein zusätzlicher Platz bereitet werde. Dieses sechste Gedeck sollte für einen Ehrengast am Kopf des Tisches platziert werden, ebenso ein besonderer Sessel. Sie war erstaunt und sehr neugierig. „Wen erwartest du?“, fragte sie. Aber Timo gab ihr keine Antwort; er erzählte ihr und dem Rest seines Haushaltes nur, dass er dies angeordnet habe, weil er „dem ehrenwertesten Gast, der ankommen könnte“ ein Gelöbnis gemacht hätte. Keiner wusste, was er meinte und er überließ sie ihren Fragen.

Tag für Tag wartete Timo auf den Herrn; den nächsten Tag, dann den folgenden Sonntag, aber nichts geschah. Manchmal wartete er in einem ungeduldigen Fieber, aber er zweifelte nie, dass der Herr kommen würde, wie Er es gesagt hatte. Eines Tages kam er zu mir und sagte: „Bruder, Tag für Tag bete ich: ‚Herr, komm‘ und ich warte, aber bis jetzt habe ich nie die Antwort gehört, nach der ich mich sehne: ‚Ja, ich komme bald.“‚

Insgeheim fühlte ich Unsicherheit darüber, wie ich Timo antworten sollte, wenn er so redete. Manchmal hatte ich Angst, dass mein Freund „aufgeblasen“ geworden war, und von Stolz versucht wurde, indem er dachte, Jesus würde ihn besuchen kommen. Später war ich überrascht darüber, wie sich die Dinge entwickelten.

Sechs Monate vergingen und Heilig Abend kam näher. Es war ein harter Winter. Am Heiligen Abend kam Timo zu mir und sagte: „Mein lieber Bruder, morgen erwarte ich den Herrn!“

Ich sagte einfach: „Und warum bist du dir diesmal dessen so sicher?“

„Dieses Mal“, erklärte er, „war, nachdem ich mein Gebet wie gewöhnlich gebetet hatte, meine ganze Seele bewegt, und ich schien sehr klar die Worte zu hören: ‚Ja, ich komme bald.‘ Morgen ist Sein Fest. Könnte es einen besseren Tag für Sein Kommen geben? Ich möchte, dass du dort bist, mit all unseren Verwandten, denn ich fühle Erfurcht und Furcht.“

„Timo“, sagte ich, „du weißt, dass ich außerstande bin, diese Angelegenheit zu verstehen, und als sündiger Mensch, der ich bin, erwarte ich bestimmt nicht, den Herrn zu sehen. – Doch du bist Teil unserer Familie und ich werde kommen. Aber darf ich noch etwas sagen? Wäre es nicht weise, nachdem du so einen königlichen Gast erwartest, nicht nur deine eigenen Verwandten und Freunde einzuladen, sondern die Art von Gesellschaft, die Er sich wünschen würde?“

Timo lächelte und sagte: „Ich weiß, was du meinst. Ja, ich werde meine Diener im ganzen Dorf herumschicken, um all die Verbannten einzuladen, die hier in Not und Armut sind, so weit entfernt von ihrer Heimat. Es ist nur angebracht, dass der Herr die Art von Gästen vorfindet, die Er sehen möchte, wenn Er kommt.“

So gingen wir also am Weihnachtsfeiertag alle zu Timos Haus zu einem frühen Abendessen. Wir fanden all die großen Räume gefüllt mit Menschen vor, typische Sibirier, das heißt, Menschen, die aus ihren eigenen Ländern verbannt wurden. Es waren Männer und Frauen da und auch viele aus der jüngeren Generation, Menschen mit sehr unterschiedlichem Ruf und aus verschiedenen Gebieten – Russen, Polen und sogar welche aus dem entfernten Estland. Timo hatte arrangiert, dass all die Verbannten, die im fremden Land noch nicht Fuß gefasst hatten, eingeladen wurden.

Die langen Tische waren bedeckt mit frischen weißen Tischtüchern, und alle möglichen guten Dinge wurden dort für die Gäste aufgetischt. Die Dienstmädchen eilten geschäftig hin und her und brachten als ersten Gang Fleischpasteten und Borschtsch (Russische Rübensuppe) herein. Draußen neigte sich der kurze Wintertag dem Ende zu und alle Gäste waren versammelt. Man erwartete niemanden mehr. Ein Schneesturm hatte angefangen und der Wind fegte ums Haus; es war ein schrecklicher Sturm.

Nur der eine Gast fehlte – der Eine, auf den sie gewartet hatten. Die Kerzen waren angezündet und die Gäste waren dabei, ihre Plätze am Tisch einzunehmen. Draußen war es noch nicht ganz dunkel und drinnen im Haus lagen, abgesehen von den Kerzen, die Räume im Halbdunkel. Timo bewegte sich ständig von einem Zimmer zum nächsten, er konnte nicht still sitzen, er war so aufgeregt. „Könnte es sein“, fragte er sich, „dass nach allem der Gast doch nicht kommt?“

Er flüsterte mir zu: „Ich bin verwirrt. Vielleicht habe ich die Botschaft falsch verstanden. Nun, wir müssen weitermachen, in Gottes Namen. Wir sollten Dank sagen und mit der Mahlzeit beginnen.“

Timo stand auf und begann laut das Vater Unser zu beten. Dann fügte er hinzu: „Christus ist heute geboren! Lasst uns den Herrn, unseren Gott, loben! Christus ist vom Himmel herabgestiegen; lasst uns alle jubeln, dass der Allerhöchste uns besucht hat und auch jetzt in unserer Mitte ist.“

Er hatte diese Worte kaum beendet, als ein starker Windstoß das Haus erbeben ließ, darauf folgte ein lautes Geräusch, als ob irgendetwas gegen die Türe gefallen wäre. Plötzlich flog die Tür von alleine auf! Die Gäste hatten solch einen Schreck bekommen, dass sie die Tische verließen und sich in einer Ecke zusammendrängten. Einige fielen auf den Boden, andere standen still und schauten auf die Eingangstür.

Auf der Schwelle stand ein sehr alter Mann, der in Lumpen gekleidet war. Er war so schwach, dass er kaum stehen konnte. Er stützte sich auf den nächsten Stuhl im Zimmer, doch hinter ihm war ein wundervolles Licht und ein zarter Duft schien mit ihm hereinzukommen. Einige Leute dachten, sie sähen eine kleine Lampe, in der eine beständige Flamme brannte – unberührt vom Wind.

Als Timo diese seltsame Gestalt anstarrte, rief er aus: „Herr, ich sehe, wer gekommen ist, und ich empfange ihn in Deinem Namen! Komm nicht selbst zu mir, denn ich bin es nicht wert, dass Du unter mein Dach kommst.“ Er kniete nieder und beugte sein Gesicht zu Boden.

Neue Kerzen wurden ins Zimmer gebracht und Timo stand auf und betrachtete konzentriert den alten Mann. Das Leuchten und der Duft waren verblasst, nur der alte Mann blieb. Timo ging auf ihn zu, nahm ihn an beiden Händen und führte ihn zu dem leeren Platz, der für den Ehrengast reserviert war: Sein alter Onkel, der ihm so viel Schaden zugefügt hatte!

Als sie sich zusammen hinsetzten, gingen die anderen Gäste wieder zurück auf ihre Plätze und zum Fest. Dann erzählte der alte Mann Timo, dass sein ganzes Leben gescheitert sei; er hätte seine Familie verloren und alle seine Besitztümer. Eine lange Zeit schon wanderte er in den Wäldern und Ebenen Sibiriens umher und versuchte seinen Neffen zu finden, denn er wollte Timofej bitten, ihm zu vergeben. Er sehnte sich danach, obwohl er Timos Zorn fürchtete.

In dem Schneesturm hatte er sich völlig verirrt und ihm war so kalt, dass er Angst bekam, dass er in der Nacht erfrieren würde. „Plötzlich“, sagte er, „traf ich jemanden, der mir sagte: ‚Geh zu dem Haus dort drüben, wo du die Lichter siehst, und du wirst gewärmt und gefüttert werden.‘ Dann hielt er meine beiden Hände fest und half mir. Irgendwie, ich weiß nicht wie, erreichte ich diese Türe.“

„Onkel“, sagte Timo, „ich weiß, wer dich hierher geführt hat. Es war der Herr, der dich führte, damit du auf dem besten Platz dieses Festes willkommen bist. Er wollte, dass ich dir vergebe, und das tue ich. Iss und trink in Seinem Namen, und ich lade dich ein, solange wie du magst hier zu bleiben, bis ans Ende deines Lebens.“

So blieb der alte Mann bei Timo und als er starb, segnete er seinen Neffen. Und Timo hatte Frieden in seinem Herzen, denn er hatte gelernt, den Worten des Herrn zu gehorchen: „Liebe deine Feinde, tue Gutes denen, die dich misshandeln…“

* * *

— Vergibst du?

 * * *

„Wenn ihr denen vergebt, die euch Böses angetan haben, wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben.“ -Matthäus 6:14

* * *

Der Zauber der Vergebung

Von Chase Walker

Da ist etwas an Weihnachten, das Menschen, die gewöhnlich schweigen,  in Freunde verwandelt- völlig Fremde – und sich sogar Geheimnisse anvertrauen.

Das war an einem Heiligen Abend vor nicht allzu langer Zeit in einem Schnellzug der Fall. Der elektrisierende Geist der Weihnachtszeit schien jeden Wagen zu füllen. Auf einem Sitz fragte ein kleines Mädchen mit einem großen gelben Reif in ihrem Haar ungeduldig: „Wie lange noch bis zur Großmutter?“

Ein paar Plätze weiter, hielt ein Matrose ein postkartengroßes Foto von seiner Liebsten und zeigte es den anderen in seiner Nähe.

Jeder schien zu reden und zu lachen. Jeder, außer einem jungen Mann und seinem Nachbarn, einem freundlich aussehenden Herrn mit grauweißen Haaren. Der Mann hatte vergeblich versucht, eine Unterhaltung anzufangen, doch der Junge sann vor sich hin. Er schaute nie vom Fenster weg.

Schließlich gab der Mann auf und ging wieder dazu über, sein Buch zu lesen, bis er bemerkte, dass der junge Mann weinte, ein gedämpftes, leises, aber unverkennbares Weinen.

„Brauchen sie ein Taschentuch?“, fragte der Mann.

„Ja, bitte“, antwortete der Junge. „Danke.“

„Gibt es etwas, das ich tun kann, mein Sohn?“

„Nein, ich glaube nicht. Es ist zu spät…“ Der Junge wischte sich mit dem Taschentuch wieder  sein Gesicht.

Während er die Hand auf die Schulter des Jungen legte, tröstete der Mann ihn. „Manchmal denken wir nur, dass es zu spät ist. Warum erzählen sie mir nicht ihr Problem? Lassen sie mich entscheiden.“

„Sehen sie …“, der Junge zögerte. Dann begann er: „Es war vor vier Monaten. Wissen sie, ich bin von zu Hause weggelaufen. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten … die Schule war schrecklich! … Und ich hatte es echt satt, morgens und abends meinen häuslichen Pflichten nachzukommen. Das habe ich Vater erzählt, und wir hatten einen furchtbaren Streit. In der Nacht habe ich einige Sachen gepackt und mich auf den Weg in die Stadt gemacht. Ich hatte etwas Geld gespart und dachte, ich könnte eine Arbeit bekommen. Innerhalb einer Woche merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich schrieb meinen Eltern, damit sie sich keine Sorgen machten, und war versucht, ihnen zu erzählen, dass ich nach Hause kommen wollte, aber ich schämte mich zu sehr. Viele Nächte schlief ich auf der Straße, öfter hungrig als satt.“

Der Junge schnäuzte seine Nase und rieb sich nochmals die Augen. „Letzte Woche schließlich brach all mein Stolz und Widerstand zusammen und ich schrieb Vater, dass ich heim kommen möchte, obwohl ich wüsste, dass er es vielleicht nicht möchte. Ich erzählte ihm, dass ich in diesem Zug sein würde, und dass er ein rotes Tuch an die große Ulme hinterm Hof hängen solle, falls ich willkommen sei. Der Zug fährt direkt an unserem Bauernhof vorbei, und der alte Baum hängt über den Zaun.“

„Nun, ich denke, du wirst willkommen sein“, versicherte ihm der alte Mann. Er nahm das Buch hoch, welches in seinem Schoß gelegen hatte und blätterte darin. „Du denkst wahrscheinlich, deine Geschichte ist einmalig, aber in diesem Buch, der Bibel, gibt es eine Geschichte, die deiner sehr ähnlich ist. Es ist die Geschichte vom verlorenen Sohn. Kennst du sie?“ (Lukas 15:11-32)

Der Junge schüttelte seinen Kopf.

„Dann möchte ich sie dir vorlesen.“ Und der alte Mann las diese vertraute Geschichte vor. Als er geendet hatte, lächelte der Junge.

„Ich denke, die meisten Väter sind mit demselben Geist der Vergebung erfüllt wie in dieser Geschichte“, sagte der Mann, „und ich bin überzeugt, dein Vater ist mehr als bereit, dich wieder aufzunehmen.“

Der Junge saß plötzlich aufrecht. „Wir sind fast da“, sagte er. „Unser Grundstück liegt gleich nach der nächsten Biegung. Oh, ich hab Angst, hinzuschauen.“

„Dann werde ich für dich schauen“, bot der Mann an.

Die Telefonmasten rasten vorbei. Einen Moment lang schwankte der Glaube des Mannes. Was, wenn kein Zeichen in dem Ulmenbaum sein würde?

 

Für mich ist Weihnachten immer eine gute Zeit; eine freundliche, vergebende, barmherzige und angenehme Zeit; die einzige Zeit, in dem langen Kalender des Jahres, in der Männer und Frauen einmütig ihre verschlossenen Herzen großzügig öffnen und sie über jene nachdenken, die unter ihnen stehen, als wären sie Mitreisende auf dem Weg zum Kreuz und nicht fremde Kreaturen, die an andere Reiserouten gebunden sind. – Scrooge’s Neffe Fred, in „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens

Genau in dieser Sekunde schwenkte der Zug um die Biegung, und weiter vorne sah er die große Ulme sich im Wind bewegen, ihre Zweige zeichneten sich kahl gegen den stahlgrauen Himmel und den verschneiten Feldern ab. Kahl – mit Ausnahme duzender roten Bändern, die an jedem denkbaren Ast flatterten. Sie schrien die Nachricht dem Ausreißer entgegen, dass an Weihnachten alles vergeben ist.

* * *

Für mich ist Weihnachten immer eine gute Zeit; eine freundliche, vergebende, barmherzige und angenehme Zeit; die einzige Zeit, in dem langen Kalenderjahr, in der Männer und Frauen einmütig ihre verschlossenen Herzen großzügig öffnen und sie über jene nachdenken, die unter ihnen stehen, als wären sie Mitreisende auf dem Weg zum Kreuz und nicht fremde Kreaturen, die an andere Reiserouten gebunden sind. – Scrooge’s Neffe Fred, in „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens

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