Es geschah in einem Augenblick

Es geschah in einem Augenblick

Von Max Ellerbusch

Ich war sehr beschäftigt an jenem Freitag, eine Woche vor Weihnachten. Fieberhaft arbeitete ich in meiner Elektrowerkstatt, in der Hoffnung, meine Arbeiten beenden und die Weihnachtsfeiertage in Ruhe zu Hause mit meiner Familie verbringen zu können. Das Telefon klingelte und eine Stimme richtete mir aus, dass mein fünfjähriger Sohn von einem Auto angefahren worden war.

Eine Menschenmenge umgab die Unfallstelle als ich dort ankam. Doch man öffnete mir sogleich eine Gasse. Craig lag mitten auf der Fahrbahn. Nicht einmal sein lockiges, blondes Haar war zerzaust.

Er starb an jenem Nachmittag im örtlichen Kinderspital.

Es gab viele Zeugen. Es hatte sich auf einem Zebrastreifen vor der Schule ereignet. Es wurde uns gesagt, dass Craig am Randstein gewartet hatte, bis ihm der Schülerlotse das Zeichen gab, die Straße zu überqueren.

Craig, wie gut du dich erinnert hast! Wie oft hat dir deine Mutter, als du dich auf den Weg zum Kindergarten gemacht hast, nachgerufen, „Geh nicht über die Straße, bis du das Zeichen bekommen hast!“ Du hast es nicht vergessen!

Craig bekam das Zeichen und betrat die Fahrbahn. Das Auto kam so schnell, niemand hatte es kommen sehen. Der Schülerlotse schrie, gab Zeichen — dann musste er um sein eigenes Leben springen. Das Auto hielt nicht an.

Grace und ich fuhren vom Spital her kommend durch die weihnachtlich beleuchteten Straßen; wir konnten es noch nicht begreifen, was uns da widerfahren war. Es war erst spät abends als ich am leeren Bett vorbeikam, dass es mir wirklich bewusst wurde. Plötzlich musste ich weinen, nicht allein wegen des leeren Bettes, sondern wegen des Gefühls der Leere und der scheinbaren Sinnlosigkeit des Ganzen. Die ganze Nacht hindurch, Grace lag wach neben mir – suchte ich, alle meine Lebenserfahrungen aufrufend, nach irgend einem Zeichen, das darauf hindeuten würde, dass hinter dem Ganzen ein liebender Gott am Werk war — doch ich fand keins.

Auf Grund meiner Kindheit war ich dazu geneigt, eher kein Zeichen zu erwarten. Mein Vater pflegte zu sagen, dass er in seiner ganzen Kindheit keinen einzigen Fall von Wohltätigkeit oder christlicher Liebenswürdigkeit erlebt hatte. Er war im angeblich christlichen Deutschland des 19. Jahrhunderts als Waise aufgewachsen. Waisenkinder wurden damals an Bauern ausgeliehen wie Maschinen, sie wurden jedoch mit entschieden weniger Rücksicht behandelt. Vater wuchs zu einem in sich gekehrten, strengen Mann heran, der das Leben als eine einsame Reise ins Grab erachtete.

Er heiratete, ebenfalls eine Waise und als sie dann begannen eigene Kinder zu haben, entschieden sie sich, nach Amerika auszuwandern. Vater  ging voraus, fand Arbeit auf dem Schiff; in New York ging er an Land und reiste und arbeitete sich einfach durch das Land. In Cincinnati, wo sich auch viele andere Auswanderer aus Deutschland niederließen, hielt er an. Er nahm jede Arbeit an, die er finden konnte. Nach anderthalb Jahren hatte er genug Geld verdient, um seine Familie nachkommen zu lassen.

Auf der Überfahrt erkrankten zwei meiner Schwestern an Scharlach; sie starben beide auf der Ellis-Insel. Irgendetwas muss auch in meiner Mutter mitgestorben sein, denn von diesem Augenblick an zeigte sie keinem Lebewesen gegenüber mehr auch nur noch das geringste Zeichen von Zuneigung. Ich wuchs auf in einem stillen Haus — in einem Haus ohne Lachen und ohne Glauben.

Später, im Verlaufe meines eigenen Ehelebens war ich entschlossen, keine dieser bitteren Schatten auf unsere Kinder fallen zu lassen. Grace und ich hatten vier Kinder: Diane, Michael, Craig und Ruth Carol. – Es war dann vor allem Craig, der meinen Kindheitspessimismus zu vergraben half, der mir zu zeigen schien, dass die Welt wunderbar ist, und dass das Leben einen Sinn hatte. Als Baby schon lächelte er jeden Menschen, den er erblickte, entzückt an, so dass fast immer eine kleine Gruppe von Menschen um seinen Kinderwagen geschart war. Einmal auf Besuch war es auch der dreijährige Craig, der auf die Gastgeberin losstürmte um ihr zu sagen: „Sie haben ein wunderschönes Haus!“

— Wenn er ein Geschenk bekam, hatte es ihn immer zu Tränen gerührt; — doch dann verschenkte er es weiter, an das nächste Kind, das ihn darum beneidete. Sonntags, wenn Grace sich kleidete, um im Chor zu singen, vergaß Craig nie, ihr zu sagen, dass sie wunderschön aussah.

Wenn nun so ein Kind sterben kann, dachte ich an jenem Freitagabend, während ich mit meinen Emotionen rang, wenn so ein Leben einfach so, von einem Augenblick zum nächsten ausgelöscht werden kann, dann hat das Leben keinen Sinn und Glaube an Gott ist ganz einfach Selbsttäuschung.

Als der Morgen anbrach, hatte ich in meiner Hoffnungs- und Hilflosigkeit ein Ablassventil gefunden, — einen übermannenden Hass, gegenüber demjenigen, der uns das angetan hatte. An jenem Morgen hatte ihn die Polizei in Tennessee geschnappt: George Williams, fünfzehn Jahre alt.

Wie die Polizei herausfand, kam er aus zerrüttenden Familienverhältnissen. Seine Mutter arbeitete nachts und schlief tagsüber. Am Freitag hatte er sich entschlossen, die Schule zu schwänzen, nahm während sie schlief die Autoschlüssel, ist die Straße hinuntergerast und…

Meine gesamte Wut auf eine sinnlose Welt schien sich auf den Namen George Williams zu konzentrieren. Ich rief unseren Anwalt an und beschwor ihn, Williams auf die Maximalstrafe hin einzuklagen. „Verklage ihn als Erwachsenen. Das Jugendstrafgericht ist nicht hart genug!“

In diesem Geisteszustand befand ich mich, als etwas geschah, was mein Leben veränderte. Ich habe keine Worte dafür, um es zu erklären, ich kann es nur beschreiben.

Es passierte am Samstag, spät in der Nacht, im Zeitraum, den es benötigt, um zwei Schritte zu tun. Ich hielt meinen Kopf mit beiden Händen und ging vor unserem Schlafzimmer auf und ab. Ich fühlte mich krank, elend, schwindelig und müde, so unendlich müde. Ich betete: „Oh Gott, zeig mir, warum!“

Genau dann, von einem Schritt zum nächsten, erfuhr mein Leben eine Wandlung. Ich atmete mit einem tiefen Seufzer aus — und mit diesem Hauch verschwand auch meine ganze Krankheit. An ihrer Stelle breitete sich ein derart starkes Gefühl von Liebe und Freude aus, dass es schon beinahe schmerzte.

Es wird manchmal einfach die „Gegenwart Christi“ genannt. Natürlich kannte ich diesen Ausdruck, hatte mir aber darunter immer eine abstrakte, theologische Idee vorgestellt. Ich hätte es mir niemals träumen lassen, dass es Jemanden gab, eine echte Person, die diesen schmalen Flur, auf dem ich mich befand, mit Liebe auffüllen würde.

Es war die Plötzlichkeit des Ganzen, die mich verblüffte. Es war wie ein Blitzschlag, der sich als Sonnenaufgang entpuppte. Ich stand da, und blinzelte in ein mir unbekanntes Licht. Es war nicht so, dass ich mich abmühte Rachsucht, Schmerz, Hass, Wut loszuwerden, — wie Kobolde oder Dämonen, die man sich im Dunkeln vorstellt, — mit dem Sonnenaufgang waren sie ganz einfach weg.

Die ganze Zeit über hatte ich das außerordentliche Empfinden gleichzeitig zwei Persönlichkeiten zu besitzen. Ich hatte ein zweites „ich“, ein ich, das Millionen Kilometer von diesem Flur entfernt war, wo man Dinge lernte, für die die Menschheit noch keine Worte kennt, um sie auszudrücken. So oft habe ich später versucht, die Dinge auszudrücken, die mir zu dem Zeitpunkt bewusst waren, doch der Lernprozess scheint sich in einer anderen Dimension abzuspielen als der, mit der ich normalerweise denke — als ob die Antwort auf meine Frage allzu unermessliche Dimensionen besäße, um sie mit meinem kleinen Intellekt erfassen zu können. Doch in meinem zweiten „ich“, welches sich jenseits von Logik befindet, war die Frage beantwortet. – In jenem Augenblick wusste ich, warum Craig uns verlassen musste. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt keine visuelle Wahrnehmung hatte, wusste ich, dass ich ihm begegnet war. Ich wusste, dass er weiser war als ich – so dass ich der kleine Junge war und er der Erwachsene. Und er war sooo beschäftigt. Craig hat so viel zu tun, unvorstellbar wichtige Dinge, die ich nicht zu erforschen brauchte. Meine Sache ist es, mich um das Geschehen hier auf Erden zu kümmern.

In der Klarheit des Augenblicks wurde es mir bewusst: Das Leben ist eine einfache Sache! Ich kann mich an den genauen Wortlaut erinnern, in welchem der Gedanke kam:

„Das Leben entspricht einer Schulklasse. In dieser Klasse müssen wir nur eine Lektion lernen: Wir müssen lernen, zwischenmenschliche Beziehungen der Liebe aufzubauen.“

Oh, Craig, dachte ich, kleiner Craig, wie schnell du doch in deinen fünf kurzen Jahren gelernt hast, wie schnell du Fortschritte gemacht hast, und wie schnell du deinen Abschluss und deine Beförderung geschafft hast!

Ich weiß nicht, wie lange ich da im Flur gestanden hatte. Vielleicht war es keine Zeitspanne, wie wir sie gewöhnlich messen. Als ich bei der Schlafzimmertüre ankam, fand ich Grace aufrecht sitzend im Bett. Sie las nicht, sie tat gar nichts, sie starrte nur gerade vor sich hin, wie sie es seit Freitagnachmittag fast ständig getan hatte.

Selbst mein Aussehen musste sich verändert haben, denn als sie langsam ihre Augen auf mich richtete, entwich ihr ein Laut des Erstaunens und sie richtete sich auf. Ich begann zu sprechen, die Worte flossen und purzelten über- und durcheinander, mal lachend, mal ganz eifrig bemüht, versuchte ich zu erklären, dass die Welt nicht vom blinden Zufall beherrscht werde, dass Leben einen Sinn, eine Bedeutung hatte, dass irdische Tragödien und Leid nicht das endgültige Ende waren, dass um unsere ganze Unvollkommenheit herum ein Universum von Bedeutung und Sinn existierte, und dass dieser Sinn besser war, als es unsere kühnsten Hoffnungen zu glauben wagen konnten.

„Craig“, so sagte ich ihr, „ist über den Punkt hinweg, wo er uns braucht. Ein anderer braucht uns: George Williams. Es ist beinahe Weihnachten. Vielleicht wird es für ihn in der Jugenderziehungsanstalt kein Weihnachtsgeschenk geben, es sei denn, wir schicken es ihm.“

Grace hörte zu, wortlos, starrte mich nur bewegungslos an. Plötzlich brach sie in Tränen aus.

„Ja“, sagte sie dann, „das ist wahr, das ist wahr. Das ist das erste, was richtig ist, seit Craig gestorben ist.“

Und es war tatsächlich so. Wie es sich herausstellte, war George ein intelligenter, aber sehr verwirrter, furchtbar einsamer Junge, der einen Vater genauso sehr brauchte, wie ich einen Sohn. Er bekam sein Geschenk — am Weihnachtstag, und seine Mutter bekam eine Schachtel von Grace‘ guten Weihnachtsplätzchen. Wir beantragten seine Freilassung, woraufhin er nach ein paar Tagen entlassen wurde. Unser Haus wurde zu seinem zweiten Zuhause. Er arbeitet nach der Schule mit mir in der Werkstatt, isst mit uns zusammen am Küchentisch und ist ein großer Bruder für Diane, Michael und Ruth Carol.

Aber es hat sich noch mehr verändert in dem Augenblick als ich Christus begegnete – nicht nur meine Gefühle gegenüber George. Diese Begegnung hat von da an jede Phase meines Lebens beeinflusst – meine Beziehung zum Geschäft, zu meinen Freunden, selbst zu Fremden. Ich möchte damit nicht behaupten, dass ich die Ekstase des Momentes aufrechterhalten konnte. – Ich könnte mir nicht vorstellen, dass der menschliche Körper so eine Freude über viele Tage hinweg aushalten könnte.

Aber ich weiß mit unendlicher Sicherheit, dass, egal was das Leben uns in Zukunft bescheren wird – ich werde niemals mehr zum Boden des Abgrundes der Verzweiflung sinken. Egal wie endgültig ein Niederschlag ausfallen könnte, ich hatte an jenem Tag von einer endgültigeren, übergelagerten Freude gekostet, als sich mir eine neue Dimension öffnete.

* * *

Lobpreis: Du gibst uns das ganze Jahr  hindurch Geschenke –

schöne und wertvolle Geschenke, die Päckchen – in Geschenkpapier eingebunden und mit Bändern verziert – niemals fassen könnten. Die Geschenke, die Du uns gibst, sind unzählig und bestehen für immer. Du gibst uns auch materielle Geschenke, weil Du uns liebst und um all die kleinen Dinge besorgt bist, die uns glücklich machen. Aber am meisten lieben wir Deine Gaben des Geistes – die niemals vergehen, niemals altern und für immer ein Teil von uns sein werden.

 * * *

Eine Botschaft für dich von Jesus zur Weihnachtszeit:

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Dein Weihnachtsgeschenk

Ich habe ein besonderes Geschenk für Dich – es unterscheidet sich in allem von dem, was du je von jemandem geschenkt bekommen hast. Man kann es in einem Geschäft weder kaufen noch verkaufen. Aber ich verschenke es gratis, so Vielen wie es annehmen können. Es wird niemals alt, geht nie kaputt und nutzt sich nicht ab, und du kannst niemals herauswachsen. Niemand kann es dir wegnehmen, und es wird ewig halten. Du kannst es überallhin mitnehmen und es jederzeit genießen. Es ändert sich nie und es wird niemals aufhören, dich zu überraschen und in Erstaunen zu versetzen. Du kannst es in dem Maße, wie du willst, mit anderen teilen, und es wird trotzdem immer genug davon geben. Wirklich, je mehr du es weitergibst, desto mehr wirst du davon haben.

Dieses Geschenk ist das Versprechen meiner Gegenwart.* Ich möchte dir näher und teurer sein, als jeder Freund oder Liebhaber auf Erden es sein kann, und ich habe so viel zu geben – mehr als genug, um jeden Tag von jetzt an bis zur Ewigkeit damit zu füllen.

Meine Liebe ist wahrhaftig, unfehlbar und bedingungslos, die Art von Liebe, die du dir dein ganzes Leben lang gewünscht und auf die du schon immer gewartet hast. Meine Liebe ist die reichste, vollkommenste Form der Liebe, die es gibt, und das Glück, welches sie dir beschert, ist nicht von dieser Welt. Es ist kein vergängliches Glück, sondern ein tiefes, beständiges Glück in all seinen Schattierungen und Farbtönen – Freude, Trost, Zufriedenheit, Frieden, Stabilität, Sicherheit, Zuversicht, Entzücken  …  Und ich werde immer bei dir bleiben, um mit dir die guten Zeiten zu teilen und dir durch die schlechten Zeiten hindurch zu helfen.

*Siehe Hebräer 13:5

Von:  http://magazin.activated-deutsch.org/

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