Eines frühen Weihnachtsmorgens

Eines frühen Weihnachtsmorgens

 Pearl S. Buck

                Ganz plötzlich war er wach. Es war vier Uhr morgens, die Zeit, zu der ihn damals sein Vater zu wecken pflegte, damit er ihm beim Melken half. Merkwürdig, wie ihm die Gewohnheiten der Jugend immer noch anhafteten!

Fünfzig Jahre war es her, und vor dreißig Jahren schon war sein Vater gestorben, aber immer noch wachte er um vier Uhr morgens auf. Er hatte sich angewöhnt, sich einfach umzudrehen und weiter zu schlafen. Heute jedoch war Weihnachten. Er versuchte nicht wieder einzuschlafen. Warum war er gerade heute so wach?

Seine Erinnerungen führten ihn zurück in die Vergangenheit, was in letzter Zeit immer häufiger geschah. Er war fünfzehn Jahre alt und wieder auf dem Hof des Vaters. Er hatte seinen Vater geliebt. Dessen war er sich damals nicht bewusst gewesen, bis er eines Tages kurz vor Weihnachten zufällig hörte, wie sein Vater zu seiner Mutter sagte: »Marie, ich wecke Robert wirklich ungern so früh am Morgen. Er wächst doch so schnell und braucht seinen Schlaf. Wenn du sehen könntest wie tief er schläft, wenn ich morgens reingehe, um ihn zu wecken! Ich wünschte, ich könnte die Arbeit alleine schaffen.«

»Das schaffst du aber nicht, Herbert«, war die energische Antwort seiner Mutter gewesen. »Außerdem ist er kein Kind mehr. Es wird Zeit, dass er mit anpackt.«

»Du hast Recht. Trotzdem wecke ich ihn sehr ungern.«

Als Robert diese Worte hörte, dämmerte es ihm: Sein Vater liebte ihn! Das war ihm vorher nie in den Sinn gekommen. Weder Vater noch Mutter hatten je darüber geredet, dass sie ihre Kinder liebten – für so etwas war einfach keine Zeit. Auf einem Bauernhof gibt es immer viel zu tun.

Als er damals auf so besondere Art die Liebe seines Vaters erkannt hatte, entschied er, dass es für ihn kein Trödeln und Verzögern mehr geben würde. Auch wenn ihm die Müdigkeit noch schwer in den Gliedern saß und er kaum die Augen aufbrachte, sprang er von da an sofort aus seinem Bett, wenn er den Ruf des Vaters vernahm.

Er war damals fünfzehn Jahre alt und in der Nacht vor Weihnachten hatte er nachdenklich auf seinem Bett gelegen. Sie waren nicht sehr wohlhabend, und so war die größte Freude am Fest, das Verspeisen des selbstgezüchteten Truthahns und Mutters selbstgebackenen Hackfleischpasteten. Seine Schwestern nähten normalerweise etwas zum Schenken, und sein Vater kaufte ihm immer etwas, das er brauchte. Nicht nur eine warme Jacke, manchmal auch etwas mehr, etwa ein Buch. Von seinem Ersparten konnte er auch immer allen eine kleine Freude bereiten.

Diesmal jedoch wollte er seinem Vater ein besseres Geschenk machen. Die traditionelle Krawatte für wenig Geld hatte er bereits gekauft. Das schien gut genug zu sein, bis er am Weihnachtsabend so vor sich hin sinnierte.

Er schaute durch sein Dachfenster in den klaren Sternenhimmel hinauf. Er erinnerte sich, wie er einmal, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, seinen Vater gefragt hatte: »Papa, was war eigentlich Bethlehems Stall?«

»Das war ein einfacher Kuhstall wie unserer auch«, war die Antwort des Vaters gewesen.

»Jesus wurde also in einem gewöhnlichen Stall geboren! Und in einen Stall kamen auch die Hirten…?«, entfuhr es ihm damals erstaunt.

Wie ein Blitz durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke: Warum sollte er seinem Vater nicht auch eine besonderes Geschenk machen – und ihr eigener Stall war der beste Platz dafür! Er könnte früh aufstehen, viel früher als vier Uhr morgens, und sich hinunter in den Kuhstall schleichen. Er würde ganz alleine melken und ausmisten. Und dann, wenn sein Vater kommen würde, um mit dem Melken anzufangen, würde er sehen, dass alles schon erledigt war, und er würde wissen, wer die Arbeit getan hatte.

12-4-BuckStill lächelte er in sich hinein und starrte auf die Sterne. Ja, dies würde er tun. Allzu tief durfte er jedoch nicht schlafen. Mindestens zwanzig Mal wachte er in dieser Nacht auf. Jedes Mal zündete er ein Streichholz an, um auf seine alte Uhr zu schauen – Mitternacht, halb zwei, dann zwei Uhr. Um Viertel vor drei stand er auf, zog sich an, und schlich vorsichtig die alte knarrende Holztreppe hinunter. Schon war er aus der Tür.

Überrascht und schläfrig blickten die Kühe ihn an. Auch für sie war es sehr früh. Er hatte noch nie alleine gemolken, aber es schien ihm an dem Morgen gar nicht beschwerlich. Immer wieder musste er daran denken, wie überrascht sein Vater sein würde. Wie gewöhnlich würde er kommen, um ihn zu wecken, und dann schon vorausgehen um anzufangen, während Robert sich anzog. Er würde zum Kuhstall gehen, die Tür aufmachen und dann die zwei leeren Milchkannen holen wollen. Die würden aber nicht da sein, und schon gar nicht leer. Sie würden schon im Milchhaus sein und dazu voll. »Was zum…?« hörte er im Geist seinen Vater rufen.

Lächelnd melkte er unermüdlich weiter. Duftend und schaumig landeten die zwei Milchstrahlen im Eimer. Leichter als je zuvor ging ihm alles von der Hand. Melken war auf einmal keine Plackerei mehr. Es war etwas Schönes – eine Gabe an seinen Vater, der ihn liebte.

Als die zwei Kannen voll waren, deckte er sie zu, stellte sie ins Milchhaus und schloss vorsichtig die Tür. Zurück in seinem Zimmer, verblieben ihm nur noch wenige Augenblicke, um im Dunkeln seine Kleider auszuziehen und unter die Decke zu kriechen, denn er  hörte bereits seinen Vater kommen. Er zog sich die Decke ganz über den Kopf, damit sein schneller Atem nicht hörbar war. Die Tür öffnete sich. »Robert!«, rief der Vater, »wir müssen aufstehen, auch wenn es Weihnachten ist.«

»Schon gut!«, antwortete er mit gespielt schläfriger Stimme. Die Tür schloss sich wieder, und er blieb still liegen und lächelte leise vor sich hin. Gleich würde sein Vater alles entdecken. Sein tanzendes Herz fühlte sich an, als wolle es aus dem Körper springen. Endlos schienen die Minuten sich dahinzuziehen, zehn, fünfzehn, er hatte keine Ahnung, bis er die wohlbekannten Fußstapfen wieder hörte. Die Tür öffnete sich.

»Robert!«

»Ja, Vater.«

Sein Vater lachte, es war ein seltsames, fast schluchzendes Lachen. »Du wolltest mich wohl reinlegen, heh!« Der Vater stand neben seinem Bett und fühlte nach ihm. Dann zog er ihm die Decke weg.

»Es ist für Weihnachten, Vater!« Er fand seinen Vater in der Dunkelheit und drückte ihn ganz fest an sich. Er fühlte, wie seines Vaters Arme sich um ihn schlossen. Es war so dunkel, dass sie nicht einmal des anderen Gesicht sehen konnten.

»Robert, ich danke dir. Niemand hat je etwas Schöneres für mich getan.«

»Oh Vater, ich wollte, dass du weißt, dass ich ein guter Junge sein möchte!« Wie von selber waren ihm diese Worte über die Lippen gekommen. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Sein Herz war am Zerbersten vor Liebe.

Er stand endgültig auf, zog sich wieder an, und gemeinsam gingen sie nach unten zum Weihnachtsbaum. Was für ein Weihnachtsfest es wurde! Und wie groß die Freude, als sein Vater auch der Mutter und seinen drei jüngeren Geschwistern erzählte, wie er, Robert, ganz alleine aufgestanden war. »Das war mein schönstes Geschenk, das ich je bekommen habe. Mein Sohn, ich werde mich mein ganzes Leben lang jeden Weihnachtsmorgen wieder daran erinnern!«

Beide vergaßen es nie. Jetzt, wo sein Vater nicht mehr am Leben war, erinnerte er sich alleine daran – diesen gesegneten Weihnachtsmorgen im Stall, wo er seine erste Gabe echter Liebe dargebracht hatte.

An diesem Weihnachten wollte er seiner Frau eine Karte schreiben, um ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte. Es war schon eine ganze Weile her, seit er ihr das wirklich sagte, obwohl er sie auf ganz besondere Weise liebte, so sehr viel mehr, als wie sie jung waren. Er schätzte sich glücklich, dass ihre Liebe ihm gehörte. Ah, das war die wahre Freude des Lebens, die Fähigkeit zu lieben.

Plötzlich wurde ihm klar, dass die Fähigkeit zu lieben lebendig war, weil das vor so langer Zeit in ihm geboren wurde, als er herausfand, dass sein Vater ihn liebte. Das ist es: Nur die Liebe alleine kann Liebe wecken. Und er konnte dieses Geschenk weitergeben, immer und immer wieder. Diesen Morgen, diesen gesegneten Weihnachtsmorgen, würde er sie seiner geliebten Frau geben. Er könnte es in einem Brief niederschreiben, damit sie ihn lesen und aufbewahren kann, auf alle Zeiten.

Solch eine frohe, frohe Weihnacht!

12-4-Weihnachtsmorgen

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Anmk. Nicht jeder erfährt die Liebe eines Vaters, wie der Mann in der Geschichte, aber jeder kann die Liebe seines/ihres himmlischen Vaters erfahren. Und wann ist nicht die beste Zeit, anderen zu sagen, wie sehr ihr himmlischer Vater sie liebt, wenn nicht an Weihnachten.

Eine Weihnachtsbotschaft aus der Bibel:
Gottes Liebe zu uns zeigt sich darin, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn das ewige Leben haben. Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt, damit er uns von unserer Schuld befreit. – 1.Johannes 4:9-10

Jesus selbst ermahnte uns,  seine Liebe an andere weiterzugeben, indem er sagte: Wenn ihr mich liebt, dann haltet meine Gebote. – Johannes 14:15 Und eines seiner Gebote ist: Geht in die ganze Welt und verkündet allen Menschen die gute Botschaft. – Markus 16:15

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Gott hat keine Hände, außer unseren, die heute anderen seine Liebe spüren lassen.
Gott hat keine Füße, außer unseren, um andere auf Seinem Weg zu leiten;
Gott hat keine Stimme, außer unserer, um anderen zu sagen, wie Sein Sohn für uns starb;
Und Gott hat keine Hilfe, außer unserer, um andere an Seine Seite zu führen.
-Annie Johnson Flint

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Der Geist der Weihnacht – Liebe – verändert Herzen und Leben. – Pat Boone (geb. 1934)

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Weihnachten ist am wahrhaftigsten dann Weihnachten, wenn du es feierst, indem du das Licht der Liebe jenen gibst, die es am dringendsten benötigen. – Ruth Carter Stapleton (1929-1983)

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