Auf der Suche nach Weihnachten

Auf der Suche nach Weihnachten

 Von Nyx Martinez

 Auf den Philippinen bedeutet die Weihnachtzeit alles Mögliche – große Familientreffen, einander Liebe schenken, Gedenken an die Geburt des Christkindes. Kombiniert man das Ganze mit gutem Essen, endlosen Partys und einem Haus voller Stechpalmendekorationen, so hat man von September bis Februar ein geradezu ausgelassenes, nie enden wollendes, riesiges Weihnachtsfest.

Vor einigen Jahren jedoch wollte diese Weihnachtsstimmung einfach nicht in mir aufkommen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich als 20-jährige Single an diesem Weihnachten nach einer anderen Art der Liebe sehnte. Ich sehnte mich danach, die Zeit mit jemandem teilen zu können, jemanden zum Lieben, aber es sollte nicht sein. Stattdessen sah ich mich mit einer ganzen Reihe von persönlichen Problemen und schweren inneren Konflikten konfrontiert. Und obwohl ich das Weihnachtsfest in der Nähe des Äquators verbrachte, fühlte ich in meinem Herzen winterliche Kälte.

Meine Eltern waren vollzeitige, ehrenamtliche Mitarbeiter von The Family International, somit bedeutete Weihnachten gleichzeitig auch freiwillige Aktivitäten. In diesem Jahr hatten meine Geschwister und Freunde mit ihrem Veranstaltungsprogramm bereits zwei staatliche Gefängnisse, einige Waisenhäuser, die städtische Hauptklinik und ein Viertel in den Slums besucht.

Am Heiligabend ging es als Erstes zu einem Heim für Senioren. Mir war überhaupt nicht danach mitzugehen. Da ich aber bereits zugesagt hatte, zog ich mir schnell ein T-Shirt und eine Jogginghose an und schlüpfte in ein Paar Turnschuhe. Ich schob eine Baseballmütze tief über meine Augen, in der Hoffnung, dass niemand die Entmutigung sehen würde, die mir ins Gesicht geschrieben stand.

Während der Andacht in der Kapelle saß ich ganz weit hinten auf der letzten Bank. Ich hörte nur halb zu, wie der Pastor erklärte, dass die Freiwilligen unserer Organisation später auf der Party ein paar Tanznummern zum Besten geben würden.

Ein paar ältere Leute, die in meiner Nähe saßen, lächelten in meine Richtung. »Werden Sie auch tanzen, junger Mann?« fragte eine zittrige Stimme neben mir. Ich wandte mich um und sah eine alte Frau. Hatte sie mich gefragt?

Ein alter Mann neben ihr kicherte und schlug sich aufs Knie. »Das ist doch ein Mädchen«, sagte er amüsiert.

Eine Stunde später, nachdem ich mich umgezogen und erfolgreich zu so etwas wie «Bühnenlaune» durchgerungen hatte, war ich dann auch am Tanzen. Während der nächsten halben Stunde unterhielten wir die Leute mit bekannten und traditionellen Weihnachtsliedern und Tanzeinlagen. Anschließend waren die Senioren an der Reihe. Wir hatten Partyspiele geplant und veranstalteten mit ihnen einen Wettbewerb in Gesellschaftstänzen. Es war schon toll zu sehen, wie sie sich auf dem Tanzparkett behaupteten. Die Jahre hatten sie nicht ihres jugendlichen Geistes beraubt und sie tanzten zur Musik aus ihrer Zeit – Swing, Boogie, Cha-Cha-Cha und was es damals noch so gab.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte dieselbe ältere Dame zu mir, »und Frohe Weihnachten« und tätschelte meine Hand.

In ihren Augen sah ich die gleiche Einsamkeit widergespiegelt, die ich im eigenen Herzen spürte.

Dann kam der erste Weihnachtstag. Kelly, eine meiner besten und ausgeflipptesten Freundinnen, rief mich in Tränen aufgelöst an. Sie hatte in der Nacht zuvor versucht, sich mit ihrem Freund wieder zu versöhnen. Aber er hatte sie abgewiesen – und das am Heiligabend. Das war die traurigste Geschichte, die ich seit langem gehört hatte. Ich versuchte, sie zu trösten, aber meine eigenen enttäuschten Hoffnungen waren, wie es schien, wohl zu groß. Was konnte ich ihr nur sagen? Wir beteten gemeinsam am Telefon und überantworteten Gott unsere Herzenswünsche und Erwartungen.

Als ich Kelly zuhörte, wie sie Gott trotz ihrer Tränen dankte, schämte ich mich auf einmal für meine Ich-Bezogenheit. Vielleicht war die wahre Liebe der Weihnacht die ganze Zeit schon da, und ich hatte sie nur nicht bemerkt. Hatte ich sie verpasst? Ich hatte ständig das Glück in einer Beziehung gesucht – ich träumte von jemandem, der mein Bedürfnis für Liebe ausfüllen konnte. Aber stattdessen fand ich so viele Menschen, die so wie ich nach etwas Wahrhaftigem suchten – es waren die Einsamen, die Verzweifelten, die Verstoßenen, die Vergessenen, die Niedergeschlagenen. Und plötzlich wurde es mir bewusst: Genau dafür ist Gottes Liebe da, nicht wahr? Sie liebt das Unliebsame und bringt Hoffnung in eine Welt voller Enttäuschungen.

Jene Weihnachtszeit lehrte mich, dass der Geist der Weihnacht für jeden lebendig ist. Und die, die ihn nicht finden, sind Leute wie ich, die am falschen Ort suchen. Doch einige Leute suchen am richtigen Ort, mit offenem Herzen, und sie finden diesen Schatz.

Josef und Maria suchten eine ordentliche Herberge; sie fanden einen Stall für  Tiere.

Die Weisen aus dem Morgenland suchten einen Königspalast; sie fanden die einfache Hütte eines Zimmermanns.

Die Engel suchten Menschen, um ihnen die frohe Botschaft vom neugeborenen Erlöser zu verkünden; sie fanden einfache Hirten.

Gott suchte nach jemandem, dem Er die Liebe des Himmels bringen konnte, und Er suchte am richtigen Ort, und so fand Er dich.

Ich hoffe, dass wir dieses Mal auch am richtigen Ort suchen und jene finden, denen wir Seine Liebe bringen können. Ich hoffe, dass wir alle jedes Jahr Weihnachten finden werden.

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