Das Mitternachts-Wunder

Das Mitternachts-Wunder

Von Sandra Sanders

Es war schon kurz nach Mitternacht als Michael, Joy und ich nach einem Besuch bei Freunden mit dem Taxi auf dem Nachhauseweg waren.

Plötzlich prallte ein Motorrad, das aus der Gegenrichtung kam, gegen die Mittelplanke, flog über unser Taxi hinweg und landete hinter uns. Der Fahrer wurde bei dem Aufprall vom Motorrad geschleudert und landete direkt vor uns auf der Fahrbahn. Unser Taxifahrer schaffte es gerade noch rechtzeitig anzuhalten.

Einen Moment waren wir alle wie betäubt, realisierten dann aber sehr schnell, dass der auf der Straße liegende Mann schwer verletzt war. Wenn wir ihm nicht helfen würden, wer dann? Um diese Uhrzeit war kaum noch ein Auto unterwegs.

Dann hörte ich des Herrn Stimme zu mir sprechen. Beweg Dich! Mach jetzt genau das, was ich dir sage. Ich hatte mich schon oft gefragt, wie ich wohl in so einer Situation reagieren würde, und gerade deshalb war es wunderbar beruhigend, die Stimme des Herrn so klar zu hören.

Ich bat Joy und Michael, für den Mann zu beten, während ich nach jemandem Ausschau hielt, der einen Krankenwagen rufen könnte. Die umliegenden Häuser waren alle dunkel und von Zäunen und Mauern umgeben – keine leichte Aufgabe, von dort zu dieser späten Stunde Hilfe zu bekommen – also versuchte ich das nächste Auto, das vorbei kam, anzuhalten. Aber es fuhr vorbei. Und das nächste ebenfalls. Endlich kam ein drittes Auto. Mittlerweile sprang ich mitten auf der Straße herum und schrie, das Auto solle anhalten. Das tat es Gott sei Dank auch. Einer der beiden Männer hatte ein Handy dabei und rief einen Krankenwagen. Ich rannte zurück zu Michael und Joy, die immer noch betend bei dem Mann auf der Straße kauerten.

Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so ernsthaft verletzt gesehen, außer in Filmen. Überall war Blut. Das Gesicht des Mannes und eines seiner Beine waren durch den Aufschlag auf dem Asphalt und dem über die Straße rutschen stark aufgeschürft. So abgeknickt, wie das Bein lag, waren wir sicher, dass es gebrochen war. Außerdem hatte er einen Zahn verloren und seine Augen waren schon schwarz und geschwollen. Später fanden wir heraus, dass auch sein Becken gebrochen war. Er war bei Bewusstsein, aber es war fast nur Unzusammenhängendes, das er unter Schmerzen, Gott auf Arabisch um Hilfe anflehend, schrie.

Ich bin sicher, es war der Herr, der mir half, meine Aversion gegen Blut, Schmerzen und Leiden zu überwinden, denn normalerweise bin ich da äußerst empfindlich. Allein,

dass ich ruhig bleiben und klar denken konnte, als wir versuchten, dem armen Mann zu helfen, war schon ein Wunder.

Äußerst vorsichtig schob ich meine Handtasche unter seinen Kopf und begann über sein Haar zu streichen, während ich betete und versuchte, ihn zu beruhigen. „Es wird alles gut. Gott liebt dich und Jesus liebt dich“, flüsterte ich ihm ins Ohr. „Hilfe ist unterwegs. Halte durch.” Michael sprach Arabisch mit ihm. Der Mann hatte offensichtlich starke Schmerzen, wurde aber allmählich viel ruhiger.

Die nächsten 10 oder 15 Minuten erschienen uns wie eine Ewigkeit, während wir auf Polizei und Krankenwagen warteten. Wir wussten in Anbetracht der Schwere seiner Verletzungen, dass wir ihn nicht bewegen sollten, deshalb gab es wenig, was wir für seinen Körper tun konnten. Betet für ihn und tröstet seine Seele, gebot uns der Herr immer wieder. Das ist jetzt das Wichtigste. Also beteten wir für ihn.

Die Polizei erschien zuerst, dann endlich der Krankenwagen. Als einer der Krankenpfleger den Mann nach seinem Namen fragte, schaffte er es, das heraus zu bringen – Nasseem. Wir erfuhren auch, zu welchem Krankenhaus er gebracht werden sollte.

Am nächsten Tag besuchten wir Nasseem dort. Sein Zustand war immer noch kritisch, aber das Personal der Intensivstation ließ uns zu ihm. Ein Bruder von Nasseem war auch bei ihm, dem wir unsere mitgebrachten Blumen und inspirierendes Lesematerial überreichten, damit er es Nasseem später geben  konnte. Wir hatten den Eindruck, dass Nasseem während unseres Besuches entweder bewusstlos oder am Schlafen war, aber als Michael seinen Arm berührte um sich zu verabschieden, flüsterte er auf Englisch: „Danke, dass ihr gekommen seid.“

Ein paar Tage später besuchten wir ihn noch einmal und verbrachten einige Zeit mit ihm und seiner Familie, die um sein Bett versammelt war. Wir berichteten von dem Unfallhergang und wie wir für Nasseem gebetet hatten und dass wir glaubten, dass Gott alles so arrangiert hatte, dass wir genau zu dem Zeitpunkt bei ihm sein konnten. Es bestärkte seinen Glauben, als wir ihm erzählten, dass er Gott um Hilfe gerufen hatte und wir glaubten, dass Gott sein Gebet erhört hatte. Er konnte sich an nichts mehr erinnern – nur dass er Motorrad gefahren und am nächsten Tag im Krankenhaus aufgewacht war.

„Dieser Vorfall hat uns zusammengefügt“, sagte Nasseems Vater mit Tränen in den Augen. „Wir müssen für immer gute Freunde bleiben!“

Wir wissen nicht, was der Herr alles in dieser Nacht getan hat, um Nasseems Leben zu retten, aber wir hatten für ein Wunder gebetet und haben eins bekommen – tatsächlich sogar zwei. Nasseem lebt und erholt sich gut, und Gott arbeitet an einem weiteren Wunder in Nassems Herzen, indem er ihm hilft, seine Liebe und Gnade besser zu verstehen und zu schätzen.

Sandra Sanders ist Mitglied von The Family International im Mittleren Osten

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